Das Erbe der ökumenischen Bewegung für Praktisches Christentum und die aktuelle Krise in der multilateralen Zusammenarbeit
„Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, dass du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen.“ 5. Mose 30,19
Vor achtzig Jahren sind Delegierte aus 50 Ländern der Welt in San Francisco, USA, zur Konferenz der Vereinten Nationen über eine Internationale Organisation zusammengekommen. Am 26. Juni 1945 ging diese Konferenz mit der Unterzeichnung der Charta der Vereinten Nationen zu Ende: Mit ihr wurden die Vereinten Nationen als Organisation gegründet, um die gemeinsam vereinbarten Ziele zu verfolgen.
Die Charta beginnt mit den Worten „Wir, die Völker der Vereinten Nationen“, und bekräftigt dann die Entschlossenheit aller, „künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren“, den gemeinsamen Glauben an „die Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit“, die allerseitige Verpflichtung, „Bedingungen zu schaffen, unter denen Gerechtigkeit und die Achtung vor den Verpflichtungen aus Verträgen und anderen Quellen des Völkerrechts gewahrt werden können“, sowie die Vision, „den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit“ zu fördern.
Die Konferenz in San Francisco erwuchs aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs und so war der Wesenskern der Konferenz und auch der Charta der Vereinten Nationen das Prinzip der multilateralen Zusammenarbeit und die Verpflichtung der Länder der Welt zu gemeinsamem Handeln, um globale Bedrohungen zu bekämpfen und das Wohlergehen aller Menschen zu fördern.
Zwanzig Jahre vor der Konferenz in San Francisco hatte auf Initiative von Erzbischof Nathan Söderblom in Stockholm, Schweden, die Weltkonferenz für praktisches Christentum stattgefunden. Diese Konferenz in Stockholm 1925, die in die Zeit nach den erbitterten und blutigen Kämpfen des Ersten Weltkriegs und vor die noch größeren Schrecken des Zweiten Weltkriegs fiel, befasste sich mit ganz ähnlichen Herausforderungen und formulierte die gemeinsame christliche Berufung, sich für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt einzusetzen. Aus der Stockholmer Konferenz heraus entstand die ökumenische Bewegung für Praktisches Christentum, die einer der Grundpfeiler ist, auf denen der Ökumenische Rat der Kirchen gegründet wurde. Die Bedeutung dieser Bewegung von Kirchen für die Welt insgesamt wurde 1931 durch die Verleihung des Friedensnobelpreises an Erzbischof Söderblom gewürdigt.
Die von der ÖRK-Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten (CCIA) vom 18. bis 22. Mai 2025 in Athen veranstaltete Konferenz zum 100-jährigen Jubiläum der Weltkonferenz für Praktisches Christentum hat erklärt: „Durch ihr Zusammenkommen und ihre Beratungen lieferten die Teilnehmenden der Konferenz in Stockholm ein Beispiel und sendeten eine Botschaft für Begegnung, Dialog und Zusammenarbeit als Weg zu Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung.“
Dieser Botschaft und diesem Beispiel folgend, hat sich der Ökumenische Rat der Kirchen seit seiner Gründung im Jahr 1948 –der die Gründung der CCIA im Jahr 1946 vorausgegangen war – nicht nur dafür eingesetzt, der Welt durch Begegnung und Dialog eine Botschaft des Friedens und der Gerechtigkeit zu verkünden, sondern diese auch zu verkörpern und praktisch zu leben.
Seit es ihn gibt hat sich der ÖRK immer darum bemüht, die multilaterale Zusammenarbeit zwischen den Ländern der Welt und zwischen den Kirchen zu fördern und voranzubringen. Darüber hinaus hat der ÖRK von der Ausarbeitung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) bis zur Verabschiedung des Atomwaffenverbotsvertrags (AVV) aktiv zur Entwicklung und Förderung des Völkerrechts beigetragen, um Verbrechen, Verstöße und existenzielle Bedrohungen zu verhindern, die in den Konflikten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so brutal zum Ausdruck kamen.
Heute sind diese Bedrohungen wieder auf dem Vormarsch und sie stellen die Grundprinzipien in Frage, auf denen die Vereinten Nationen vor 80 Jahren gegründet wurden.
Der Zentralausschuss des ÖRK tagt in einer Zeit mehrerer sich überlagernder und eskalierender globaler Krisen. Erneute, sich verschärfende und festgefahrene Konflikte im Nahen Osten, im Sudan, in der Ukraine, in Myanmar, in der Demokratischen Republik Kongo, in Nigeria und an anderen Orten der Welt – und die damit einhergehenden humanitären Krisen und Verletzungen der Menschenwürde und der Menschenrechte – lasten erneut auf dem Gewissen der Weltbevölkerung. Gegen Einzelpersonen und ganze Bevölkerungsgruppen werden Verbrechen schlimmster Art begangen, ohne dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Das Wettrüsten hat wieder begonnen, und die Militarisierung nimmt zu. Das Tabu des Einsatzes von Atomwaffen – der katastrophalsten, willkürlichsten und generationenübergreifend zerstörerischsten Waffen, die jemals von Menschen entwickelt wurden – wird aufgeweicht. Wirtschaftliche Ungerechtigkeit und Ungleichheit erreichen ein extremes und beispielloses Ausmaß. Neue Technologien bringen nicht nur Volkswirtschaften, sondern auch gesellschaftliche und politische Systeme durcheinander. Und die sich beschleunigende globale Klimakrise, die vor 80 oder 100 Jahren noch nicht vorhergesehen wurde, stellt eine Herausforderung von einem Ausmaß dar, wie es keine Generation zuvor erlebt hat.
Vor dem Hintergrund dieser beispiellosen sich überlagernden globalen Krisen, erkennt der Zentralausschuss an, dass die Zusammenarbeit zwischen den Ländern und Völkern der Welt noch nie so dringend und zwingend notwendig war wie heute. Wir stehen an einem Punkt, an dem unser Handeln oder Nicht-Handeln – insbesondere in Bezug auf Klimagerechtigkeit – die Zukunft unserer Kinder, deren Kindeskinder und des gesamten lebendigen Planeten bestimmen wird. Und trotzdem werden die Institutionen und die Grundsätze der multilateralen Zusammenarbeit selbst, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden und für die sich Kirchen und christliche Gläubige in der ganzen Welt eingesetzt und die sie vorangetrieben haben, aus kurzfristigen, eigennützigen politischen und wirtschaftlichen Gründen kontinuierlich immer wieder angegriffen, was noch verschärft wird durch die Verbreitung von Falsch- und Desinformation.
Wir beobachten mit großer Sorge, dass der politische Wille zu multilateraler Zusammenarbeit insbesondere durch die Verbreitung ausgrenzender nationalistischer Bewegungen in vielen Ländern insbesondere im globalen Norden unterminiert wird. Wir verstehen, dass das Auftreten und Erstarken derartiger Bewegungen oftmals eine Reaktion auf die zunehmende Migration von Menschen aus dem globalen Süden infolge der historischen und anhaltenden Verarmung und Destabilisierung ihrer Heimatländer aufgrund der kolonialen Ausbeutung, des Neokolonialismus, der zerstörerischen Rohstoffindustrien, der nicht nachhaltigen und ungerechten Schuldenlasten und der sich zuspitzenden Auswirkungen der Klimakrise ist, die größtenteils im globalen Norden verursacht wurden.
Wir erinnern an die Erklärungen der 11. ÖRK-Vollversammlung „Was zum Frieden dient: die Welt zu Versöhnung und Einheit bewegen“ und „Der lebendige Planet: Streben nach einer gerechten und zukunftsfähigen weltweiten Gemeinschaft“ und erkennen an, dass die darin beschriebenen Herausforderungen seither nur noch größer geworden sind und die vorgeschlagenen Antworten weitgehend unerfüllt geblieben sind.
Der Zentralausschuss bekräftigt, dass Menschen christlichen Glaubens in jedem Zeitalter und jeder Generation immer wieder aufgerufen sind, ihr Zeugnis für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung zu erneuern. Gleichzeitig erkennen wir das beispiellose Ausmaß der aktuellen globalen Bedrohungen und die unabsehbaren Folgen eines Nicht-Handelns an.
Der ÖRK-Zentralausschuss, der vom 18. bis 24. Juni 2025 in Johannesburg, Südafrika, tagt, schlägt Alarm, betont den Ernst der aktuellen Lage und ruft alle Menschen guten Willens auf, für die Grundsätze einzutreten, die Grundlage für unseren gemeinsamen Frieden und unser aller Sicherheit, unsere gemeinsame Verantwortung für den Schutz des lebendigen Planeten und unsere gemeinsame Vision von Gerechtigkeit, Würde und gleichen Rechten für alle sind.
Wir unterstreichen das Erbe der ökumenischen Bewegung für Praktisches Christentum, unsere christliche Ethik und unsere Glaubensgrundsätze sowie unsere Einheit in Christus als grenzüberschreitende Glaubensgemeinschaft, als Quellen dieser Grundsätze und Bollwerke dagegen.
Anlässlich des 80. Jahrestags der Gründung der Vereinten Nationen und 100 Jahre nach der Konferenz in Stockholm 1925
- bekräftigt der Zentralausschuss erneut das grundlegende Bekenntnis und die grundlegende Unterstützung des ÖRK für die multilaterale Zusammenarbeit zwischen den Ländern der Welt als einzig geeignetes Mittel zur Bewältigung der Herausforderungen, denen die Weltgemeinschaft und der lebendige Planet gegenüberstehen, sowie für die Vereinten Nationen als führendes Instrument für eine solche Zusammenarbeit.
Gewiss sind die Vereinten Nationen ein unvollkommenes Instrument, dessen Mängel in seiner Konzeption begründet liegen und die die Machtverteilung und nationalen Eigeninteressen der Siegerländer am Ende des Zweiten Weltkriegs widerspiegeln. Dies zeigt sich besonders deutlich in der Struktur des UN-Sicherheitsrats, in dem sich die damaligen Weltmächte ständige Mitgliedschaft und Vetorechte angemaßt haben, die in der Vergangenheit und insbesondere in jüngster Zeit allzu oft dazu genutzt wurden, sich selbst und die eigenen engsten Verbündeten von den Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten zu befreien, die für alle gelten sollten. Ebenso hat eine Doppelmoral bei der Durchsetzung des Völkerrechts, insbesondere der Menschenrechtsnormen, die wahrgenommene Legitimität dieser Regeln in den Augen derjenigen geschwächt, gegen die diese Doppelmoral angewendet wurde.
Der Zukunftspakt, den die UN-Generalversammlung im September 2024 beschlossen hat, skizziert einige wichtige Richtungsentscheidungen und notwendige Reformen. Um aber die Glaubwürdigkeit der Organisation wiederherzustellen und Abhilfe zu schaffen für den historisch bedingten Ausschluss von Ländern, die zur Zeit der Konferenz in San Francisco 1945 noch unter Kolonialherrschaft standen, sind tiefgreifendere und grundsätzlichere Reformen – auch des UN-Sicherheitsrats selbst – notwendig. Mechanismen für solche Reformen sind in der Charta der Vereinten Nationen (insbesondere in Artikel 109) zwar vorgesehen, aber sie wurden nie richtig genutzt.Der Zentralausschuss
- unterstützt daher alle ernsthaften Bemühungen um eine Reform der Vereinten Nationen, die eine Stärkung und nicht die Schwächung ihrer Wirksamkeit und Effizienz als Instrument der multilateralen Zusammenarbeit zum Ziel haben, und stellt sich dahinter.
Wir nehmen die UN80-Reformpläne des UN-Generalsekretärs zur Kenntnis, die die konstruktive Konsolidierung einiger eng miteinander verbundener Mandate und Strukturen beinhalten. Wir betonen jedoch, wie wichtig es ist, sicherzustellen, dass die Fähigkeit der Vereinten Nationen, ihre zentralen Ziele Frieden und Sicherheit, Menschenrechte und Entwicklung zu verwirklichen, nicht durch eine übermäßige Konzentration auf Kosteneinsparungen beeinträchtigt werden darf. Darüber hinaus können technische Reformprozesse ohne den zugrunde liegenden politischen Willen keine echten und konstruktiven Reformen gewährleisten.
Der Zentralausschuss
- appelliert deshalb an die Länder und Regierungen der Welt, den Ernst und die Dringlichkeit der aktuellen globalen Lage sowie die dringende Notwendigkeit einer verstärkten multilateralen Zusammenarbeit anzuerkennen, um dem Zustand der sich überlagernden Krisen Herr zu werden, indem sie Wettbewerb, Spaltung, isolationistischen Nationalismus und Konfrontation entsagen und sich erneut zu einer Zusammenarbeit im Rahmen der Vereinten Nationen bekennen, die angemessen finanziell ausgestattet sein müssen.
Anders als 1925 oder unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sind inzwischen viele völkerrechtliche Verträge und andere völkerrechtlich normative Instrumente sowie zahlreiche damit verbundene Rechenschaftsmechanismen geschaffen worden. Insbesondere in einem Kontext erneuter und sich zuspitzender Spaltungen und Konfrontationen können diese Gesetze und Mechanismen als wichtige Leitlinien und Schutzvorrichtungen gegen Aggression, Unterdrückung und Missbrauch durch die Mächtigen dienen. Aus denselben kurzfristig gedachten und eigennützigen Gründen werden diese Gesetze und Mechanismen jedoch auch angegriffen. Die Rechtsstaatlichkeit und die Unabhängigkeit der Justiz werden zum Nachteil all derer, die über keine solche Macht verfügen, bewusst untergraben.
Der Zentralausschuss
- fordert den ÖRK-Generalsekretär auf, Beziehungen zu Regierungen und Institutionen aufzubauen und Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln, um die Grundsätze und Mechanismen des Völkerrechts, der Rechtsstaatlichkeit und der Unabhängigkeit der Justiz zu verteidigen und durchzusetzen.
In dieser gefährlichen Zeit sind Kirchen und christliche Gläubige aufgerufen, nicht schweigend zuzusehen, wie unsere Länder und unsere Welt in Spaltung, Ungerechtigkeit, Konflikte und die Zerstörung von Gottes kostbarer und einzigartiger Schöpfung abgleiten, sondern eine prophetische Stimme zu erheben, die sich auf unsere Glaubensgrundsätze und unsere Einheit in Christus sowie auf das Erbe der Bewegung für Praktisches Christentum stützt.
Der Zentralausschuss
- ruft dementsprechend alle Mitgliedskirchen und ökumenischen Partner des ÖRK auf, sich auf einen Pilgerweg der Gerechtigkeit, Versöhnung und Einheit zu begeben, und zwar nicht als abstraktes Slogan, sondern als aktives und dringendes Zeugnis in unseren Gesellschaften und gegenüber unseren Regierungen, gegen die vorherrschende Kultur des Konflikts, der Konfrontation und der Spaltung, für Einheit und Versöhnung.
Mensch, was gut ist
und was der Herr von dir fordert:
nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben
und demütig sein vor deinem Gott.
Micha 6,8