Wiederholt beschrieben Teilnehmende die Tagung als eine Veranstaltung, die vor dem Hintergrund mehrerer sich überlappender Krisen stattfände – von Klimaschocks in der Karibik bis hin zu globalen Konflikten und politischer Instabilität –, und das warf die Frage auf, wie die kirchliche Mission in solchen Kontexten verstanden und gelebt werden kann.
Auch Pastor Dr. Michael Blair, der Vorsitzende der Kommission, verortete die Tagung von Beginn an in diesem allgemeinen Kontext. „Die Kommission tagt hier an einem Ort, der mit einer ernsten Krise konfrontiert ist“, sagte er und erinnerte, dass die letzte Tagung der Kommission in Kenia im Kontext der politischen Proteste von jungen Menschen stattgefunden habe, während die Tagung in Jamaika nun in die Zeit nach Hurrikan Melissa falle. In beiden Fällen, so sagte er, habe sich die Frage gestellt, ob die Tagung überhaupt stattfinden könne – und was diese Krisen und Schwierigkeiten für das Missionsverständnis der Kirche bedeuteten.
Blair betonte, dass die Berücksichtigung des Kontextes Teil der theologischen Aufgabe sei. Er rief die Teilnehmenden auf, sich mit dem Konferenztext aus Sacharja 4 „Was siehst du?“ auseinanderzusetzen, und verband dies mit der Idee, die Welt „neu zu interpretieren“, um den tatsächlichen Lebensrealitäten Rechnung zu tragen. Diese Lebensrealitäten, so sagte er, umfassten nicht nur extreme Wetterereignisse, sondern auch „den Klimawandel und seine Auswirkungen, staatliche Politik und Praxis [sowie] das Erbe des Kolonialismus und des transatlantischen Sklavenhandels“.
Außerdem verwies er auf die globale Instabilität insgesamt – die Kriege im Gazastreifen, Sudan und Iran, den zunehmenden Militarismus und die anhaltenden Krisen in Länder wie Kuba, Haiti und Jamaika. All das sei Teil des Kontextes, so Blair, in dem die Kirche erkennen müsse, „wie der Heilige Geist für Wandel, Erneuerung und Wiederherstellung wirkt“.
Theologischer Rahmen
Den Eröffnungsgottesdienst der Tagung leitete Bischöfin Christine Gooden Benguche. Ihre Predigt über Hiob 38,4-11 stand unter der Überschrift „Die Welt neu interpretieren: Hiob 38 und der Aufruf zur kosmischen Neuausrichtung“. Sie sprach darin über, wie sie es nannte, die menschliche Überheblichkeit – die Neigung der Menschen, zu glauben, dass sie alles über Gott und die Schöpfung wüssten.
Benguche zufolge ginge es bei der „Neuinterpretation der Welt“ nicht darum, bekannte Narrative zu wiederholen, sondern um eine „tiefgreifende Neuausrichtung einer in Unordnung gebrachten Welt“. Sie umriss vier theologische Leitmotive: göttliche Überlegenheit, die alles menschliche Verständnis übersteigt, kosmische Intentionalität in der Schöpfung, göttliche Abgrenzung gegen das Chaos und die Grenzen der Menschen angesichts der umfassenderen Wirklichkeit. Zudem wies sie hierarchisch ausgerichtete Narrative zurück, die die Menschenwürde untergraben, und forderte einen Wandel im Denken weg von der Idee einer Herrschaft der Menschen über die Schöpfung hin zur Teilhabe an ihr.
Bischof Garth Minott, der Präsident des Kirchenrats von Jamaika, Dr. Michael Blair, der Vorsitzende der Kommission, und Pastorin Merlyn Hyde-Riley, die stellvertretende Vorsitzende des Zentralausschusses des Ökumenischen Rats der Kirchen, überbrachten Grußworte und betonten ökumenische Zusammenarbeit und Erneuerung.
Klimawandel und systemische Vulnerabilität
Ein wichtiger thematischer Schwerpunkt der Tagung war der Klimawandel. Die Einführung hier hatte Prof. Michael Taylor übernommen und seiner Ansicht nach befindet sich die Karibik in „einer Zeit mit zahlreichen Gefahren“. Er erklärte, das extreme Hitze, Dürren, unregelmäßige Niederschläge und der steigende Meeresspiegel für die kleinen Inselstaaten unter den Entwicklungsländern keine zukünftigen Risiken mehr seien, sondern schon jetzt konkrete Lebensrealität.
Prof. Michael Taylor unterstrich den prognostizierten Anstieg des Meeresspiegels um bis zu einem Meter bis 2100 und die zunehmende Häufigkeit von Tagen mit extremer Hitze. Darüber hinaus skizzierte er verschiedene systemische Auswirkungen, wie durchschnittliche BIP-Verluste von bis zu 17 % in Jahren mit großen Stürmen, Belastungen der Infrastruktur und erhöhte Gesundheitsrisiken aufgrund von Hitze und vektorübertragenen Erkrankungen.
Hurrikan Melissa (2025) sei ein wichtiges Fallbeispiel. Der Hurrikan, der Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 km/h erreichte und 60 cm Niederschlag sowie eine Sturmflut mit einem Scheitelwasserstand von 2,7 m mitbrachte, traf im Südwesten Jamaikas auf Land und war stärker als Hurrikan Gilbert (1988). Die vorgelegten Klimaanalyse-Daten hätten gezeigt, dass die höheren Wassertemperaturen in den Weltmeeren die Wahrscheinlichkeit für derartige Stürme deutlich erhöhten und die globale Erderwärmung auch die Windgeschwindigkeiten und Niederschlagsmengen deutlich erhöhten.
Der Hurrikan verursachte große Schäden an der Infrastruktur. So brachen beispielsweise die Wasserversorgungssysteme zusammen und 75 % des Stromnetzes sowie die komplette Telekommunikationsinfrastruktur wurden zerstört. Die wirtschaftlichen Verluste wurden auf mehr als 50 % von Jamaikas BIP geschätzt.
Mission, Ethik und gesamtgesellschaftliche Verantwortung
Taylor erklärte, dass der Klimawandel sowohl theologische als auch wissenschaftliche Frage aufwerfe. Die Leugnung des Klimawandels, sagte er, stelle ein Versagen sowohl in Bezug auf das Wissen als auch auf die moralische Verantwortung der Menschen dar. Er erklärte, ein verantwortungsbewusster Umgang mit der Schöpfung sei eine Frage der Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen. Er zitierte Hesekiel 33,6 und bezeichnete die Wissenschaft und die Kirche als „Wächter“, deren Aufgabe es sei, vor einer sich anbahnenden Gefahr zu warnen.
Die Diskussionen nach der Präsentation legten einen Schwerpunkt auf nicht-wirtschaftliche Verluste wie psychische Traumata, Zerrüttungen in Familien und die gesellschaftliche Vulnerabilität. Zudem sprachen die Teilnehmende Themen wie die globale Ungerechtigkeit an und betonten, dass die karibischen Staaten unverhältnismäßig stark unter den Auswirkungen des Klimawandels litten, der aber auf die Emissionen wohlhabenderer Staaten in der Vergangenheit zurückzuführen sei. Gleichzeitig wurden auch der Umweltschutz und die Regierungsführung vor Ort als Bereiche genannt, denen Aufmerksamkeit geschenkt werden müsse.
Sonntagsandacht, Die ÖRK-Kommission für Weltmission und Evangelisation tagte vom 16. bis 21. April 2026 in Kingston, Jamaika Photo: Dennis Duncan/ÖRK
Institutionelle Reflexion und Schwerpunktsetzung in der Mission
Die geschäftsführende Direktorin der ÖRK-Kommission für Weltmission und Evangelisation, Anjeline Okola, fasste in ihrem Bericht an die Kommission die Entwicklungen in der Programmarbeit seit der letzten Tagung zusammen. In Bezug auf die Verbesserung der Zusammenarbeit mit anderen ÖRK-Gremien wie Glauben und Kirchenverfassung und den Programmen zu Klimagerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit, die Teilhabe junger Menschen und die Inklusion von Menschen mit Behinderungen habe es Fortschritte gegeben.
Okola berichtete, dass sich die Arbeit der Kommission zunehmend darauf konzentriert habe, „den apostolischen Glauben in der heutigen Welt zum Ausdruck zu bringen“ und dass dabei ein Schwerpunkt auf die Entkolonialisierung der Mission, Inklusion und generationenübergreifendes Führungswirken gelegt worden sei. Die „Mission von den Rändern der Gesellschaft“ als Orientierungsrahmen für alle Konsultationen, alle Forschung und die Programmentwicklung würde, so betonte sie, auch weiterhin oberste Priorität haben.
Des Weiteren berichtete sie über den Stand der Vorbereitungen für die Weltkonferenz für Weltmission und Evangelisation 2028. Es sei ein mehrjähriger, partizipativer Prozess, der mit globalen Konsultationen und regionalen Anhörungen beginnen und dessen Höhepunkt dann eine Konferenz in der Pazifikregion sein werde.
Zu den wichtigsten Erfolgen, über die berichtet wurde, zählten das verstärkte Engagement für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen durch das Ökumenische Aktionsbündnis von und für Menschen mit Behinderungen, Initiativen für die Einbindung und Forschung von indigenen Völkern sowie Programme zu Evangelisation und der Ausbildung von Führungskompetenzen, die sich auf junge Menschen konzentrierten. Darüber hinaus berichtete sie über ein umfassenderes interreligiöses Engagement und die Ausweitung der Zusammenarbeit mit UN-Organisationen und zivilgesellschaftlichen Partnern.
Konflikt, Gerechtigkeit und die prophetische Mission
Bischof Kenneth Richards, der römisch-katholische Erzbischof von Kingston, sprach über den geopolitischen Kontext von Mission und sagte, die derzeitigen globalen Gegebenheiten seien von einer strukturellen Ungerechtigkeit und Fragmentierung der Gesellschaften geprägt. Mission müsse als Teilhabe an der missio dei und „Gegenzeugnis“ zu den Systemen der Unterdrückung verstanden werden.
Zudem verknüpfte er die Mission mit wiedergutmachender Gerechtigkeit und argumentierte, dass die Kirche den Stimmen der Betroffenen Raum geben und sich bewusst mit den Wunden der Vergangenheit auseinandersetzen müsse.
Kirchlichen Herausforderungen neu interpretieren
Während der gesamten Tagung kamen die Teilnehmenden immer wieder auf den Gedanken einer „Neuinterpretation“ als Methode zur Auseinandersetzung mit Geschichte, Theologie und Praxis zu sprechen. So wurde über das koloniale Erbe in der Mission, die Marginalisierung von indigenen und lokalen Formen von Spiritualität und die Notwendigkeit einer Reform der kirchlichen Narrativen gesprochen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen bisher ausgeschlossen haben.
Auch die Vorbereitungen für die Konferenz 2028 wurden als Teil dieses vor uns liegenden Weges bezeichnet, wobei die partizipative Gestaltung, marginalisierte Stimmen und eine in der tatsächlichen Lebenserfahrung der Menschen verwurzelte kontextuelle Theologie besonders betont wurden.
Die Tagung endete mit der gemeinsamen Bekräftigung, dass Mission als Antwort auf die globalen Probleme und die strukturelle Ungerechtigkeit neu definiert würde. Zwar kristallisierte sich noch kein einzelnes Gesamtkonzept heraus, aber die Teilnehmenden wiederholten mehrfach, dass aufmerksames Zuhören, ethische Verantwortung und im jeweiligen Kontext verwurzelte theologische Reflexion vonnöten seien.
Blair formulierte es so: Die wichtigste Aufgabe sei weiterhin die Urteilsbildung; wir müssten verstehen, dass der Heilige Geist auch in einer Welt wirke, die von großen Krisen gebeutelt sei, und dass die Kirche berufen sei, darauf zu reagieren.
Die ÖRK-Kommission für Weltmission und Evangelisation eröffnete ihre Tagung am 17. April 2026 in Kingston, Jamaika Photo: Dennis Duncan/ÖRK