Die ÖRK-Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten veranstaltete im Mai 2025 ihre Konsultation zum 100-jährigen Jubiläum der Weltkonferenz für praktisches Christentum in Athen. Was sind für Sie die wichtigsten Ergebnisse der Konferenz?
Prove: Die Konferenz in Athen hat eine Möglichkeit geboten, über das Vermächtnis der seit 100 Jahren bestehenden Bewegung für praktisches Christentum nachzudenken, über ihre historische Bedeutung für den ÖRK und ihre Relevanz angesichts der heutigen globalen Lage. Man kann dies als eine lehrreiche Gelegenheit bezeichnen, denn die Teilnehmenden konnten beobachten, dass die 1925 in Stockholm angesprochenen Probleme in vielerlei Hinsicht mit unserer derzeitigen Weltlage vergleichbar sind, und wie wichtig die damals durchgeführten Analysen und Überlegungen für die Frage sind, wie die ökumenische Bewegung auf die vielfachen globalen Krisen unserer Zeit reagieren sollte.
Die Konferenz eröffnete ebenfalls die Möglichkeit, einen Kontext zwischen dem ersten Ökumenischen Konzil in Nizäa, dessen 1.700-jähriges Jubiläum wir ebenfalls dieses Jahr feiern, und der Stockholmer Konferenz von 1925 herzustellen. Die Botschaft der Konferenz in Athen lautet: „Das Glaubensbekenntnis von Nizäa ist auf der Grundlage der Heiligen Schrift als eine prägnante Zusammenfassung der schriftlich und mündlich tradierten kontinuierlichen spirituellen Erfahrungen der Kirche entstanden. Auf dieser Grundlage hat die Stockholmer Konferenz die praktische Anwendung des christlichen Glaubens auf die akuten Probleme der damaligen Zeit gefordert. Die Konferenz von Stockholm 1925 ... war ganz bewusst als ein ‚Nizäa für Ethik und für praktisches Christentum‘ konzipiert worden.“
Die abschließende Botschaft der Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten in Athen steht in direkter Verbindung mit der Stockholmer Konferenz im Jahre 1925 und ihrem Fokus auf der christlichen Berufung, für Gerechtigkeit und Frieden zu arbeiten. Sind Sie der Meinung, dass die Kirchen in diesen 100 Jahren ihrer Verpflichtung nachgekommen sind? Es scheint doch so, dass es heute in der Welt weniger Gerechtigkeit und Frieden denn je gibt.
Prove: Das wichtigste Momentum aus der Konferenz in Stockholm war die Bekräftigung und Förderung der Verantwortung der Kirchen für das gesamte Leben der Menschen und der Gesellschaft. Die christliche Ethik sollte von einer rein persönlichen Entscheidung zu einer Angelegenheit gemeinsam getragener Verantwortung werden. In der ungewissen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und in einer Zeit, in der sich bereits ein neues Wettrüsten und sich verschärfende ökumenische Ungleichheiten abzuzeichnen begannen und es die Vorahnung einer noch größeren Gewalteruption gab, wurden Fragen der Gerechtigkeit und des Friedens zu einem zentralen Diskussionsthema in Stockholm.
Ganz offensichtlich spitzen sich Krisensituationen in zahlreichen Teilen der Welt weiter zu mit katastrophalen Auswirkungen auf die betroffene Bevölkerung sowie ernsten und sich verschärfenden Risiken für die Welt insgesamt. In einigen Fällen waren Kirchen maßgeblich an der erneuten Entstehung von Gewalt beteiligt oder haben zu wenig getan, um sie zu verhindern.
Allerdings hat die Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten auf ihrer Konferenz in Athen auch bestätigt, dass jeden Tag Ortskirchen und Glaubensgemeinschaften auf der Welt mit ihrer beständigen, entschlossenen und im Glauben geleisteten Arbeit dazu beitragen, Frieden zu schaffen, Konflikte zu lösen und Menschenrechte und sozialen Zusammenhalt zu fördern, um den „alltäglichen“ Frieden in den Gemeinschaften zu bewahren, um humanitäre Hilfe zu leisten, den Menschen in Notfällen beizustehen und um sich um Migrierte und Geflüchtete zu kümmern, die ein besseres und sichereres Leben suchen.
Was sind für Sie die wichtigsten Botschaften der Konsultation in Athen an die Teilnehmenden der gerade laufenden Ökumenischen Woche in Stockholm und an die Kirchen und die Christen und Christinnen weltweit?
Prove: Eine der wichtigsten Ideen, die auf der Stockholmer Konferenz 1925 und den zahlreichen Veranstaltungen der Bewegung für praktisches Christentum Gestalt angenommen haben, war die Bedeutung der Entwicklung des Völkerrechts und der Systeme der internationalen Zusammenarbeit als Schutzmechanismen gegen Konflikte und als Schutz gefährdeter Bevölkerungen vor der Verletzung ihrer Rechte und ihrer Würde durch die Mächtigen dieser Welt. Dieser Schwerpunkt wurde zu einem festen Teil des Mandats der Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten.
Ein großer Unterschied zwischen dem Kontext der Stockholmer Konferenz von 1925 und der Situation heute ist die außerordentliche Entwicklung internationaler Rechtsnormen und Standards, die in der Zwischenzeit und besonders in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden hat. Die ökumenische Bewegung hat in bedeutender Weise ihren Beitrag zur Entwicklung dieser Gesetze und Systeme geleistet.
Allerdings leben wir in einer Zeit eines in vielen Teilen der Welt um sich greifenden populistischen Nationalismus – eine Zeiterscheinung, mit der Kirchen sich in einigen Fällen leider gemein gemacht haben. Dies widerspricht in eklatanter Weise den Grundsätzen der Bewegung für praktisches Christentum und dem ökumenischen Pilgerweg der Gerechtigkeit, der Versöhnung und der Einheit.
In diesem Kontext müssen wir, wie es in der Botschaft der Athener Konferenz heißt, „unsere ökumenischen und interreligiösen Reflexionen und den Dialog über das Verhältnis von Kirche und Staat neu denken und vertiefen. Wir müssen unsere Verpflichtung zu wirtschaftlicher Gerechtigkeit und Solidarität erneuern. Und besonders in dieser Zeit der Echokammern der sozialen Medien mit ihren Falschinformationen müssen wir uns wieder auf unseren Bildungsauftrag besinnen und Kapazitäten für Dialog, Solidarität und Einheit aufbauen.“
Darüber hinaus muss die ökumenische Bewegung für die Grundsätze und Instrumente der Einheit, die multilaterale Zusammenarbeit, Gerechtigkeit, Menschenrechte und die gegenseitige Rechenschaftspflicht vor dem Gesetz einstehen, für die wir schon vor der Gründung des ÖRK gekämpft haben und die heute gezielt angegriffen werden.
Es ist jedoch auch wichtig zu erkennen, dass der ökumenische Zusammenhalt für sich selbst gesehen schon ein mächtiges Zeugnis für Einheit, Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit ist. Die Athener Konferenz hat festgestellt: „Durch ihre Zusammenkunft und ihre Diskussionen haben die Teilnehmenden an der Stockholmer Konferenz ein Beispiel und eine Botschaft der Begegnung, der Dialogs und der Zusammenarbeit als Weg zu Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung geliefert.“
Schaut man sich den Zustand der Welt heute an, dann beinhaltet die Botschaft der Konferenz der Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten folgende Aussage: „Das Zeugnis der ökumenischen Bewegung für Einheit inmitten der Spaltung ist erneut ein dringender Aufruf in einer Welt, die auf einem sich beschleunigenden Weg der Fragmentierung, der Konfrontation und des Konflikts ist und sich hundert Jahre nach der Konferenz von Stockholm von den Zielen Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden abwendet.“
In der Botschaft der Athener Konferenz heißt es ebenfalls: „Inspiriert von der Konferenz in Stockholm verkünden wir erneut die zentrale Bedeutung von Begegnungen, Beziehungen und Gesprächen, wobei für uns als ökumenische Bewegung wichtig ist, was uns besonders in unserem christlichen Glauben vereint, ebenfalls Multilateralismus und die Verpflichtung auf Dialog, Zusammenarbeit und Solidarität, die wir auf der gesamten Welt wiederherstellen wollen.“
Was erwarten Sie von den Diskussionen in Stockholm und weltweit vor dem Hintergrund des 100-jährigen Jubiläums der Stockholmer Konferenz?
Prove: Ich hoffe, dass diese Ereignisse –in Athen und in Stockholm – als Orientierungspunkte in der modernen Geschichte der ökumenischen Bewegung dienen können, indem wir nicht nur feierlich an die großen Konferenzen vor 100 Jahren erinnern, sondern auch versuchen, den Geist des praktischen Christentums für eine ökumenische Erneuerung und für unser Zeugnis in der gesamten Welt wiederzuerwecken.
Viele Menschen auf der Welt suchen moralische Orientierung in einer Zeit zunehmender Unsicherheiten, Furcht und Zukunftsängste angesichts der irritierenden Vielzahl globaler Krisen und eskalierender Konflikte, sich stetig vertiefender wirtschaftlicher Ungleichheiten und einer präzedenzlosen Umweltkrise.
Besonders die globale Klimakrise hat als eine existenzielle Bedrohung eine Wucht, wie sie noch keine Generation vor uns erlebt hat. Sie hat tiefgreifende Auswirkungen auf alle zukünftigen Generationen des Lebens auf der Erde und verschärft alle anderen Herausforderungen. Im Juni hat der ÖRK-Zentralausschuss auf seiner Tagung in Johannesburg festgestellt: „Wir stehen an einem Punkt, an dem unser Handeln oder Nicht-Handeln – insbesondere in Bezug auf Klimagerechtigkeit – die Zukunft unserer Kinder, deren Kindeskinder und des gesamten lebendigen Planeten bestimmen wird.“
Ich glaube, dass die Kirchen und die ökumenische Bewegung an diesem entscheidenden historischen Moment erneut vorangehen müssen und angesichts der Herausforderungen, vor denen wir alle stehen, ihre Stimmen für Einheit und Zusammenarbeit erheben müssen.
Im Rückblick auf Ihre Zusammenarbeit mit der Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten – in welchen Fällen war das Engagement der Kirchen in der Friedenskonsolidierung und im Einsatz für die Gerechtigkeit in der Welt besonders inspirierend?
Prove: In allen Fällen, in denen die Kirchen oder einzelne Personen christlichen Glaubens versuchen, andere auf den Weg des Friedens und der Gerechtigkeit zu führen, gegen alle Widerstände der dominierenden Kultur des Konfliktes und der Ungerechtigkeit, in der Nachfolge von Jesus. Es gibt unzählige solche Beispiele, die aber oft nicht gebührend anerkannt werden. Wenn wir hier auf einzelne Beispiele eingehen würden, wäre dies eine ungerechte Zurücksetzung aller anderen. Aber sie sind die „bekennende Kirche" heute.
Botschaft der CCIA-Konsultation zum 100-jährigen Jubiläum der Weltkonferenz für praktisches Christentum in Athen (in englischer Sprache)
Die Ökumenische Woche in Stockholm, August 2025 (in englischer Sprache)