Das erste offizielle Meeting für Sie in Ihrer neuen Funktion als Erzbischof war ein Treffen aller Oberhäupter der größten Kirchen in Ihrem Heimatland mit dem lettischen Staatspräsidenten. Wie würden Sie das Verhältnis der verschiedenen Kirchen in Lettland beschreiben?
Erzbischof Grants: Ich würde sagen, wir sind freundschaftlich miteinander verbunden, aber das ist meine subjektive Meinung. Dass auch Besuchende aus dem Ausland unser von gegenseitigem Respekt geprägtes Verhältnis als relativ einzigartig bezeichnen, bestätigt dieses subjektive Gefühl vielleicht etwas objektiver. Die enge Zusammenarbeit auf den Führungsebenen unserer Kirchen ist über Jahre durch zwischenmenschliche Beziehungen aufgebaut worden, die immer von einem Gefühl von Geschwisterlichkeit geprägt waren. Die Ökumene in Lettland beruht nicht primär auf Erkenntnissen oder Beurteilungen, die aus theologischen Diskussionen abgeleitet werden, sondern eher auf der Überzeugung, dass wir zusammenarbeiten müssen, um Christi Mission hier in diesem Land umzusetzen.
Sie waren 25 Jahre lang in der St. Gertrud-Gemeinde in Riga tätig, eine der größten und ökumenisch aktivsten lutherischen Gemeinden in Lettland, die sich auch jedes Jahr im Januar an der Gebetswoche für die Einheit aller christlichen Gläubigen beteiligt. Warum ist die Einheit unter den christlichen Gläubigen in Ihren Augen so wichtig?
Erzbischof Grants: Meiner Meinung nach ist es traurig, ja beunruhigend gar, dass wir eine solche Frage überhaupt stellen müssen – dass die Einheit unter den christlichen Gläubigen scheinbar nicht mehr selbstverständlich ist, sondern ein Ziel, auf das wir hinarbeiten müssen. Natürlich gibt es dafür viele Gründe und eine lange Geschichte, die dafür gesorgt hat, aber Einheit sollte doch selbstverständlich sein. Wir wissen doch, dass Einheit für unseren Herrn Jesus Christus wichtig war. Wie können wir sie dann nicht als wichtig erachten?
Die Spaltung der christlichen Kirche selbst sollte ein Skandal sein – sie ist nicht normal und wir dürfen uns nicht daran gewöhnen. Denn zum einen schwächt es unsere christliche Botschaft und hat Einfluss darauf, ob wir glaubhaft Zeugnis ablegen können. Und zum anderen, weil auch wir selbst etwas Wichtiges einbüßen – denn Gott hat seine Gnade über uns ausgegossen, sein Charisma über die christliche Kirche insgesamt. Wo christliche Gläubige Einheit erleben, sind sie zudem auch ein Segen füreinander.
Archbishop Rinalds Grants of the Evangelical Lutheran Church of Latvia welcomes Ecumenical Patriarch Bartholomew to the ecumenical prayer service at Riga Cathedral during the visit of His All Holiness to Latvia, 13 September 2025.
Was ist in unserer zunehmend von Polarisierung und Spaltung geprägten Welt in Ihren Augen die größte Hürde für die Einheit aller christlichen Gläubigen?
Erzbischof Grants: Es lässt sich beobachten, dass die Gräben oftmals nicht mehr entlang der Konfessionsgrenzen verlaufen, sondern nicht selten auch innerhalb einer Konfession zwischen unterschiedlich denkenden Gruppen aufbrechen und größer werden. Da gibt es zum Beispiel die Gruppe von Menschen, die mit den Anforderungen der modernen Gesellschaft mitgehen und sich an diese anpassen wollen, und auf der andere Seite jene Menschen, die die authentischen Haltungen und Botschaften der Kirche wie es über viele Jahrhunderte der Fall war bewahren wollen. Meiner Meinung nach ist das einer der Gründe, warum Spannungen und Spaltung häufiger innerhalb einer einzelnen Konfession auftreten – und in einem Land mehrere Kirchen der gleichen Konfession entstehen können.
Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine werden die baltischen Staaten immer häufiger als Ostfront Europas bezeichnet. Wie ist die Stimmung in der lettischen Gesellschaft und den lettischen Gemeinden?
Erzbischof Grants: Die Menschen sind insgesamt immer noch sehr beunruhigt. Auch wenn die Angst seit dem Beginn des Ukrainekriegs etwas nachgelassen hat – aufgrund der Erfahrungen des lettischen Volkes in der Vergangenheit waren viele Menschen überzeugt, dass auch hier bald Krieg herrschen würde. Auch wenn die Angst also im Laufe der Jahre etwas nachgelassen hat, ist sie auf unterbewusster Ebene noch immer sehr präsent. Die Menschen denken zum Beispiel darüber nach, wo sie in Lettland noch leben wollen, oder sie überlegen sich einen Alternativplan. Und wenn man ständig über solche Fragen nachdenkt, hat das Auswirkungen auf den Alltag.
Wie die Kirche damit umgeht? Zum einen versuchen wir, der Ukraine verantwortungsbewusst zu helfen – sowohl durch humanitäre Hilfe als auch durch die Unterstützung von Menschen, die als Flüchtlinge aus der Ukraine hier zu uns nach Lettland gekommen sind.
Eine ganz tolle ökumenische Initiative, an der sich alle Kirchen in Lettland beteiligen, ist, dass jeden Tag mittags um 12 Uhr die Glocken läuten und zum gemeinsamen Gebet für die Ukraine einladen. Auch in unserer Verwaltung machen wir da mit – egal in welchem Meeting wir vielleicht gerade sitzen, mittags um 12 Uhr halten wir kurz inne und beten zusammen.
Auch im Zivilschutz versuchen wir als landesweite Kirche gerade, unseren Platz zu finden – verantwortungsbewusst vorbereitet zu sein, um unser heiliges Erbe zu schützen und um sicherzustellen, dass unsere Gemeindehäuser und Kirchen, deren Vernetzung in Lettland bisher beispiellos ist, im Fall einer Krise als Hilfezentren und Anlaufstellen dienen können.
Flags of Latvia, Ukraine and European Union jointly sway in front of the Riga Cathedral, seat of the Archbishop of the Evangelical Lutheran Church of Latvia - a common sight in Latvia, symbolizing the country's ongoing support and solidarity with Ukraine, which has been enduring Russia's full-scale war of aggression since February 2022.
Was ist aus Ihrer Sicht ein „gerechter Frieden“ und was würde dies konkret für die Ukraine bedeuten?
Erzbischof Grants: Was den vielen Menschen, deren Existenz zerstört wurde, die geliebte Menschen verloren haben, die vielleicht nicht einmal genau wissen, wo ihre Angehörigen sind oder was mit ihren Kindern passiert, die nach Russland verschleppt werden, ein Gefühl von Gerechtigkeit zurückgeben könnte? Ich weiß nicht, ob es in ihrem Gefühl überhaupt einen gerechten, ja wirklich gerechten Frieden geben kann. Dennoch müssen wir uns alle gemeinsam darum bemühen, den Frieden so positiv oder gerecht wie möglich zu gestalten.
Konkret heißt das: Um auch nur ansatzweise von Gerechtigkeit sprechen zu können, ist es wichtig, dass Russland am Ende des Krieges zugibt, dass es ein Angriffskrieg war und keine Selbstverteidigung oder irgendetwas in der Richtung. Dass die Souveränität und Integrität der Ukraine anerkannt werden. Dass die Gefangenen und alle Kinder, die entführt wurden, in die Ukraine zurückgebracht werden und dass zugegeben wird, dass ihnen in Russland eine feindlich gesinnte Ideologie eingetrichtert wurden. Gerechter Frieden bedeutet auf jeden Fall, dass Russland wirtschaftliche Verantwortung für den Wiederaufbau der Ukraine übernimmt. Kriegsverbrecherinnen und Kriegsverbrecher müssen vor Gericht gestellt werden. Und schließlich muss es Garantien geben, dass es ein dauerhafter Frieden ist, damit sich das ukrainische Volk auf den Wiederaufbau seines Landes und die Genesung der Menschen konzentrieren kann.
Wenn all das geschieht, könnte man vielleicht von einem gerechten Frieden sprechen – aber es muss klar sein, dass es immer Menschen geben wird, die das Gefühl von Ungerechtigkeit nicht werden abschütteln können und dass nichts und niemand sie von diesem Gefühl wird befreien können. Krieg hinterlässt immer Wunden, die sehr lange brauchen, um zu heilen – wir können den Menschen helfen, zu genesen und zu heilen, aber die Narben werden immer bleiben.
Was können Kirchen und christliche Gläubige in der Welt tun, um solch einen Frieden und derartige Gerechtigkeit Wirklichkeit werden zu lassen?
Erzbischof Grants: Am wichtigsten ist es, nicht passiv zu sein, sondern klar und deutlich für die Möglichkeit eines solchen gerechten Friedens in der Ukraine einzutreten. Es ist wichtig, dass eine Zivilgesellschaft – und damit die Kirche als wichtiger Teil dieser Zivilgesellschaft – ihre Stimme nutzt, um keine Kompromisse in Sachen Ungerechtigkeit zuzulassen.
Es ist auch klar, dass der Krieg eines Tages vorbei sein wird und dass Russland und die Ukraine auch dann weiterhin Nachbarländer sein werden. Wie können beide Länder friedlich Seite an Seite bestehen und wie kann ein Heilungsprozess zwischen ihnen stattfinden? Christliche Gläubige auf beiden Seiten werden dabei sicher eine wichtige Rolle spielen und eine Berufung zu erfüllen haben.
Das vollständige Interview in englischer Sprache können Sie hier lesen:
Archbishop Rinalds Grants: Our differences should not prevent us striving for unity and serving those in need (ÖRK-Interview, 17. Oktober 2025)
Website der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands (in lettischer Sprache)