Warum legen Kirchen und glaubensbasierte Investoren immer mehr Wert auf Bankgeschäfte nach dem Grundsatz der Klimaverantwortung?
Harper: Weil wir irgendwann an einen Punkt kommen, an dem Schweigen so viel bedeutet wie Mittäterschaft.
Der Klimawandel ist keine Gefahr mehr, die in der Zukunft liegt und über den in Konferenzsälen und Jahresberichten diskutiert wird. Er verändert bereits jetzt unser Leben. Ganze Bevölkerungsgruppen verlieren ihre Heimat bei Überschwemmungen, müssen Missernten und extreme Hitze überstehen und einer zunehmend instabilen Umwelt leben. Und wie immer sind es die Ärmsten, die von diesem Leid zuerst und und am stärksten betroffen sind.
Die Banken sind keine unbeteiligten Beobachter dieser Wirklichkeit. Die moderne Finanzwirtschaft ist an Entscheidungen darüber beteiligt, was gebaut wird, welches Wachstum finanziert wird und wie unsere zukünftige Ökonomie aussehen wird. Kapital ist nicht neutral.
Seit Jahren gibt es große Finanzinstitutionen, die in ihrer Kommunikation über Klimaverantwortung sprechen. Sie haben Klimapfade veröffentlicht, Bündnisse geschlossen und Ziele und Verpflichtungen definiert. Trotzdem finanzieren zahlreiche dieser Institutionen nach wie vor den Ausbau fossiler Energieträger und handeln damit grundsätzlich kontraproduktiv zu den Ambitionen, die sie öffentlich verkünden.
Dieser Widerspruch hat eine moralische Bedeutung.
Es gibt eine kraftvolle Erzählung im Evangelium, als Jesus den Tempel betritt und die Tische der Geldwechsler umstößt. Dies wird oft als Ärger über den Handel selbst verstanden. Das trifft aber nicht zu. Es ging um die Frage, was passiert, wenn Systeme, die dem Leben, der Gerechtigkeit und der Ehrfurcht dienen sollen, zu Systemen werden, die Verantwortung verschleiern und die Mächtigen schützen.
Ich bin der Meinung, dass immer mehr Menschen heute die gleiche Enttäuschung spüren. Die Wahrnehmung setzt sich durch, dass Teile des Finanzsystems in besonders elaborierter Rhetorik über ihre Verantwortung reden, gleichzeitig aber jede noch so sinnvolle strukturelle Änderung konterkarieren.
Warum sollte dies für glaubensbasierte Investoren wichtig sein?
Harper: Weil die Kirche nicht Gerechtigkeit predigen und gleichzeitig den Systemen gegenüber indifferent sein kann, die genau das verhindern wollen.
Die methodistische Tradition, zu der ich gehöre, hat immer darauf bestanden, dass der Glaube praktische Konsequenzen für das öffentliche Leben haben muss. John Wesley hat wiederholt über Reichtum, Ausbeutung und moralische Verantwortung gesprochen. Er war davon überzeugt, dass Ökonomie nie einfach nur Ökonomie ist, sondern immer auch Einfluss auf das Leben der Menschen hat.
Der Klimawandel ist nicht nur ein ökologisches Problem. Es geht auch um Armut, Vertreibung, Hunger, Ungleichheit und das Vermächtnis, das wir zukünftigen Generationen hinterlassen.
Als glaubensbasierte Investoren stehen wir deshalb in der Verantwortung zu fragen, ob die Institutionen, in die wir investieren, einen Beitrag dazu leisten, die Welt in eine gerechtere und nachhaltige Zukunft zu führen, oder ob sie die Veränderungen sabotieren, die die Wissenschaft und unsere Moral immer deutlicher einfordern.
Und offen gesagt, es gibt Situationen, in denen die Haushalterschaft für die Umwelt mehr erfordert als höfliches Interesse.
Einige werden argumentieren, dass die Banken lediglich auf die Realitäten des Marktes und die Nachfrage nach Energie reagieren. Was sagen Sie dazu?
Harper: Natürlich ist der ökologische Wandel kompliziert. Kein glaubwürdiger Mensch ist der Meinung, dass die Gesellschaft über Nacht auf fossile Energien verzichten wird.
Aber eine komplexe Situation kann nicht zu einer permanenten Rechtfertigung für Widersprüche werden. Es geht nicht nur darum, dass Banken die Energiewirtschaft finanzieren. Es geht darum, ob Institutionen in der Öffentlichkeit etwas behaupten, während sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine andere Wirklichkeit finanzieren.
Wenn sich eine Bank selbst als klimaschutzaffin darstellt, aber gleichzeitig fossile Ausbaustrategien unterstützt, die mit international vereinbarten Klimaschutzzielen nicht vereinbar sind, dann haben die Investoren jedes Recht, kritische Fragen über Integrität, Governance und Rechenschaftspflicht zu stellen.
Die Finanzwirtschaft hat das Thema Nachhaltigkeit inzwischen erfolgreich besetzt. Allerdings muss sie sich daran messen lassen, ob diese verbalen Bekenntnisse noch eine Bedeutung haben, wenn handfeste ökonomische Interessen auf dem Spiel stehen.
Warum ist es jetzt an der Zeit zu handeln?
Harper: Weil sich das Zeitalter der endlosen Geduld seinem Ende nähert.
Seit vielen Jahren verfolgen zahlreiche Investoren eine klandestine Politik hinter verschlossenen Türen. Es wurden Fragen gestellt. Es wurden Konferenzen einberufen. Es wurden Zusicherungen gegeben. Und doch steigen die Emissionen weltweit weiter, und die Ausbeutung fossiler Energieträger schreitet weiterhin in einem Tempo voran, das mit der Klimawissenschaft in keiner Weise in Übereinstimmung zu bringen ist.
Ab einem bestimmten Punkt muss die Haushalterschaft für die Umwelt mehr leisten als nur die Dokumentierung von Bedenken.
Es besteht die Gefahr, dass eine nachhaltige Finanzwirtschaft zu einer Art moralischen Theaters wird – ausgefeilte Rhetorik, sorgfältig gemanagte Enthüllungen und allzu glatte Verpflichtungen, die den Anschein von Fortschritt erwecken, während sich zugrundeliegende Verhaltensmuster zu langsam ändern. Glaubensbasierte Investoren haben eine besondere Verantwortung, sich dem entgegenzustellen.
Die Propheten der Bibel waren nicht wohlgelitten, da sie bequeme Erzählungen in Frage stellten. Sie bestanden darauf, dass sich die Menschen mit der Diskrepanz zwischen ihrem Glaubensbekenntnis und ihrem tatsächlichen Verhalten auseinandersetzten. In vieler Hinsicht ist das heute gar nicht so anders.
Was hoffen Sie zu erreichen?
Harper: Verantwortung. Eindeutigkeit. Aufrichtigkeit.
Wir fordern eine ernsthafte Prüfung, ob Finanzierungsentscheidungen, Governance-Strukturen und institutionelles Verhalten tatsächlich den Klimaschutzverpflichtungen entsprechen. Ganz allgemein wollen wir aber die Annahme widerlegen, dass die Märkte Gewinn und moralische Konsequenzen auf Dauer voneinander trennen können.
Eine der großen Versuchungen in der Finanzwelt ist der Glaube, dass Verantwortung auf dem Weg durch Systeme, Ausschüsse und Bilanzen nicht mehr greifbar wird und dass keine einzelne Institution wirklich zur Rechenschaft gezogen werden kann, weil sich die Verantwortung auf eine Vielzahl von Marktteilnehmern verteilt.
Aber die Klimakrise zeigt die Grenzen dieser Denkweise auf. Die Entscheidungen, die heute von den Finanzinstitutionen getroffen werden, bestimmen die Bedingungen, unter denen Millionen von Menschen in Zukunft leben werden. Das sollte uns allen zu denken geben.
Was würden Sie abschließend anderen Investoren sagen?
Harper: Dass Haushalterschaft für die Umwelt nur wenig bedeutet, wenn sie nie etwas kostet.
Wenn Investoren nur dann bereit sind, Stellung zu beziehen, wenn es in ihre Komfortzone passt, ihre Reputation nicht leidet und es kommerziell vorteilhaft ist, dann wird der Markt weiterhin Public Relations mit Verantwortung verwechseln.
Diese Zeit erfordert moralischen Mut von Investoren, Regulierungsbehörden, der Zivilgesellschaft und den Finanzinstitutionen selbst.
Denn letztlich geht es hier nicht einfach nur um Klimaziele oder Offenlegungsvorschriften, sondern darum, welches Wirtschaftssystem wir aufbauen und ob Menschenwürde, Gerechtigkeit und die Unversehrtheit der Schöpfung tatsächlich ein Teil dieses Systems sind oder nur in den Marketingunterlagen auftauchen.