Image
Ricardo Noite/HEKS/EPER

Im Epizentrum der Katastrophe in Caraballeda, La Guaira: Vertreter von HEKS/EPER Venezuela. 

Foto:

Was war das Ziel Ihres Besuchs?

Bueno de Faria: Wir wollten nicht nur unsere Solidarität bekunden, sondern auch verstehen, wie die Hilfe vor Ort konkret umgesetzt wird: wo die Mitglieder der ACT Alliance einen wichtigen Beitrag leisten, wo es weiterhin an Hilfsleistungen fehlt und was uns diese Notsituationen über die Lokalisierung von humanitärer Hilfe, über humanitäre Hilfe, die aus den Gemeinwesen selbst heraus geleitet wird, und die Veränderungen im internationalen humanitären System lehren.

Was war die wichtigste Erkenntnis für Sie?

Bueno de Faria: Die wichtigste Erkenntnis für mich ist eindeutig, dass die Mitglieder der ACT Alliance und ihre Partner wichtige und einzigartige humanitäre Hilfe leisten, insbesondere weil sie Menschen erreichen, die von den größeren Hilfsmechanismen nicht erreicht werden, und weil sie die örtlichen Kapazitäten unterstützen und nicht einfach ersetzen. Allerdings kann dieses Engagement ohne deutlich stärkere Unterstützung von unseren ökumenischen, religiösen und interreligiösen Partnern nicht in dem erforderlichen Umfang aufrechterhalten werden.

Was bedeutet es, dass die ACT Alliance durch lokale Akteure Hilfe leistet, statt diese zu ersetzen?

Bueno de Faria: In beiden Ländern ist mir der große Unterschied zwischen dem Ansatz der ACT Allianceund dem Arbeitsansatz vieler anderer internationaler humanitärer Akteure aufgefallen. Die Mitglieder der ACT Alliance aus aller Welt etablieren nicht parallele Hilfsstrukturen. Sie arbeiten ganz bewusst mit Kirchen, zivilgesellschaftlichen Organisationen in den Gemeinwesen, nationalen Nichtregierungsorganisationen und anderen bereits etablierten lokalen Akteuren zusammen. Das ist die praktische Lokalisierung von Hilfe: Die internationalen Kapazitäten unterstützen das Engagement der örtlichen Strukturen, anstatt es zu ersetzen.

In der Nothilfe, bei der die Menschen vor Ort die Führungsrolle übernehmen, bedeutet Vorsorge nicht einfach nur die Bereitstellung von Hilfsgütern im Voraus. Es bedeutet auch, dass in Organisationen, Netzwerke, Wissen und Führungskapazitäten investiert wird, bevor eine Notsituation eintritt.

Image
Rudelmar Bueno de Faria

Rudelmar Bueno de Faria, der Generalsekretär der ACT Alliance.

Foto:

Was haben Sie über die Reform des humanitären Systems erfahren?

Bueno de Faria: Die Treffen mit Vertretungen unserer Geldgeber haben grundsätzliche Fragen hinsichtlich der Reform des humanitären Systems ausgeworfen. Für ein Gemeinwesen, das nur per sechsstündiger Bootsfahrt auf einem Fluss erreicht werden kann, können hinsichtlich der Kosten und der Zeit bis zur Bereitstellung der Hilfe nicht die gleichen Maßstäbe angesetzt werden wie für ein Gemeinwesen, das an einer großen Straße liegt. Eine Organisation, die an immer wieder neue staatliche Vorgaben gebunden ist, kann keinen strikt linearen Zeitplan für die Bereitstellung der Hilfe einhalten. Eine lokale Organisation, die erstmals in einem so großen Umfang Hilfe leisten soll, braucht vielleicht mehr Unterstützung und Flexibilität und nicht noch weitere Compliance-Vorgaben.

Das humanitäre System muss anerkennen, dass auch der jeweilige Kontext, Vertrauen, Subsidiarität und das Führungswirken der Menschen vor Ort wesentliche Faktoren für die Wirksamkeit der humanitären Hilfe sind.

Was ist Ihr Appell an die Kirchen und alle Menschen guten Willens in der Welt?

Bueno de Faria: Was ich in Kolumbien und Venezuela gesehen habe, hat meine Überzeugung gestärkt, dass Qualität und Ausrichtung der Hilfsmaßnahmen der ACT Alliance stimmen. Unsere Mitglieder arbeiten hervorragend zusammen. Sie arbeiten mit nationalen Organisationen zusammen, anstatt sie zu übergehen. Sie können auf das Vertrauen der Kirchen und der etablierten Strukturen in den Gemeinwesen aufbauen. Sie erreichen die Menschen in ländlichen, an Flüssen gelegenen und unterversorgten Gemeinwesen, die sonst wenig Hilfe erhalten.

Aber diese Art des Engagements braucht finanzielle Unterstützung. Flexible und so wenig wie möglich zweckgebundene Mittel sind besonders wichtig, weil sie es den Mitgliedern und Gemeinwesen ermöglichen, die Hilfe an die Bedürfnisse anzupassen, wenn sich diese ändern.

Ich ermutige alle Mitglieder der ACT Alliance, die Beziehungen zu institutionellen Geldgebern haben, sich für Finanzierungsstrategien einzusetzen, die den tatsächlichen Kosten der Hilfe für Menschen in abgelegenen Regionen Rechnung tragen, nationale und lokale Partner angemessen finanziell unterstützen und ausreichen Flexibilität ermöglichen, dass die Menschen vor Ort selbst planen können.

Mein Besuch in Kolumbien und Venezuela hat mich in einer Überzeugung bestärkt, die auch für die ACT Alliance insgesamt immer wichtiger geworden ist: Bei der Lokalisierung von humanitärer Hilfe, der Verankerung vor Ort also, geht es nicht in erster Linie darum, bestimmte Aktivitäten von den internationalen Organisationen zu den nationalen Organisationen zu verlagern.

Und dieser Ansatz funktioniert. Die Menschen vor Ort wollen Verantwortung übernehmen. Unsere Mitglieder und Partner sind da. Was wir aber dringend brauchen, ist die Solidarität und die finanzielle Unterstützung, die es ihnen ermöglicht, ihr Engagement und ihre Hilfe auszubauen und fortzuführen.

ACT Alliance

Die ACT Alliance ruft zu Hilfsmaßnahmen nach dem Erdbeben in Venezuela auf (ÖRK-Pressemitteilung, 26. Juni 2026)

Der ÖRK hält Andachten für alle Betroffenen der Erdbeben in Venezuela ab (ÖRK-Pressemitteilung, 25. Juni 2026)

Kirchen zeigen Solidarität und stehen den Betroffenen des Erdbebens in Kolumbien zur Seite (ÖRK-Pressemitteilung, 11. August 2026)

Der ÖRK hält Andachten für die Betroffenen des Erdbebens in Kolumbien ab (ÖRK-Pressemitteilung, 11. August 2026)